Bestatterfamilie Stier lebt seit über 120 Jahren mit den Toten

In dem aktuellen Zeitungsartikel erzählen wir, wie wir Angehörige begleiten und welche Aufgaben wir gemeinsam mit ihnen Schritt für Schritt angehen. 

Im Artikel berichten wir zum Beispiel davon, wie wir die Abschiednahme vorbereiten und persönliche Wünsche berücksichtigen. So entsteht ein Rahmen, in dem man Entscheidungen in Ruhe treffen kann. 

Wir möchten zeigen, dass wir die Belastung der trauernden Personen wahrnehmen und euch mit klaren Abläufen und verständlichen Erklärungen unterstützen. Der Bericht gibt einen ehrlichen Einblick in unsere Arbeit und macht deutlich, wie wichtig verlässliche Begleitung in dieser Zeit ist.

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Bestatterfamilie Stier lebt seit über 120 Jahren mit den Toten

Familie Stier lebt seit über 120 Jahren mit den Toten: Armin und Martin Stier sind Bestatter in der vierten Generation, der eine in Karlsruhe, der andere in Pfinztal-Berghausen.

Seinen ersten Toten sah Martin Stier, als er fünf Jahre alt war. Oder sechs? Ganz genau weiß er es nicht mehr. Sein Vater nahm ihn immer mit, wenn er Dekorationen zum Friedhof Berghausen brachte. „Kerzenständer, Lorbeerbäumchen, Teelichtle“, erinnert sich Martin. „Und dann habe ich einen Blick in die Kühlung geworfen.“ Wo die Toten lagen.

Armin Stier sah seinen ersten Toten, als er zehn Jahre alt war. Oder zwölf? Auch er weiß es nicht mehr ganz genau. Aber er weiß noch, wie sein Vater die Toten einkleidete. „Er nahm mich an die Hand und zeigte mir die Verstorbenen“, erzählt Armin.

Die beiden nicken sich in stillem Einvernehmen zu. Sie teilen die Erfahrung, dass der Vater an den Sohn weitergibt, was er weiß. Und sie haben dieselben Dinge gelernt. „Wären wir Bäcker“, sagt Martin Stier, „wüssten wir, wie man Brezeln backt.“

Mein Vater nahm mich an die Hand und zeigte mir die Verstorbenen.

Armin Stier
Bestattungsfachwirt

Familie Stier lebt seit über 120 Jahren mit den Toten

Die Stiers sind keine Bäcker. Armin (51) und Martin (61) sind Bestatter in vierter Generation – und Cousins. Ihre Väter waren Bestatter. Ihr Großvater war Bestatter. Ihr Urgroßvater hat das Familienunternehmen gegründet. In Berghausen. 1902 war das. Seit über 120 Jahren leben die Stiers mit dem Tod.

 

In der Karlsruher Gerwigstraße, einer Zweigstelle der Trauerhilfe Stier, sitzt dieser Tage Armin Stiers Ehefrau am Empfang. Die Kinder sind in der Schule. In der sogenannten Feierhalle, quer über den Hof, findet gerade eine Trauerfeier statt. Der Verstorbene war jung, die Hinterbliebenen sind voller Schmerz. Um sie nicht zu stören, werden die Kinder, wenn sie heimkommen, ganz leise die Treppe zur Wohnung ihrer Eltern hinaufgehen. Denn die befindet sich über der Feierhalle.

Leben und Tod liegen hier ganz nah beieinander.

Sachte muss auftreten, wer bei Stiers in die Küche will. Die Sache mit dem Trittschall hat nämlich, bei aller Mühe, nicht so richtig funktioniert, erzählt Armin Stier. Rücksichtnahme auf die Trauernden haben die Stiers aber von klein auf gelernt. So wie andere lernen, Bitte und Danke zu sagen, lernt man im Hause Stier, die Stimme zu senken im Angesicht des Todes.

 

Und der Tod ist allgegenwärtig. Ist das nicht schwierig?

Die Stiers sind überrascht von der Frage. Nur ein wenig, es ist kaum zu sehen, Gefühlsüberschwang ist nicht ihre Sache. Aber sie verstehen, dass man fragt.

Martin Stier antwortet: „Wir werden gezeugt, wir werden geboren, wir haben eine gewisse Lebenszeit. Nur eins ist sicher: Das Leben endet mit dem Tod.“ Er sagt das nicht ernst, nicht traurig, sondern mit einer Unaufgeregtheit, die zeigt: Hier ist jemand, der die Tatsache der Endlichkeit des Lebens als gegeben annehmen kann und sich nicht darüber grämt.

Armin Stier nickt dazu. Dann sagt er: „Es gibt aber auch die Tode, mit denen man nicht einverstanden ist.“ Die von Kindern etwa. Die sind schwierig. Die sind schlimm. Dagegen hilft in der Familie Stier das Miteinanderreden. Beim Abendessen vielleicht. Wo man sich aufgehoben fühlt. „Man leidet immer mit den Trauernden“, gesteht Armin Stier.

Ohne Trauerhilfe geht es nicht

Sie nennen sie „die Hiergebliebenen“. Und ihre verstorbenen Lieben „die Vorausgegangenen“. Früher, als Urgroßvater Wilhelm Stier den Grundstein für das Familienunternehmen mit seiner Schreinerei in Berghausen legte, ging es in erster Linie um die Särge. Sein Wissen gab er weiter an die nächste Generation. „Ich weiß noch, wie der Opa Maß nahm“, sagt Martin Stier, steht auf und macht die Handbewegung vor. Groß, mittelgroß, klein. Armin weiß das auch noch.

Heute geht es nicht mehr nur darum, den Verstorbenen zur letzten Ruhe zu betten. Es geht auch und vor allem um die Menschen, die zurückbleiben. Trauerhilfe, so nennt man das, will geleistet werden. Muss, finden die Stiers. Und wenn sie erzählen, wie sie den betroffenen Familien begegnen, ist da sehr viel Mitgefühl spürbar.

 

„Manche Menschen stehen so unter Schock“, sagt Martin Stier. Da fange er dann gar nicht mit offenen Fragen und anstehenden Entscheidungen an, welcher Sarg, wo beerdigen. Da sage er dann: „Wollen wir erst mal Ihren Mann besuchen?“

Respekt für die Toten

Für die Familie Stier beginnt alles mit einem Anruf: Da muss ein Verstorbener abgeholt werden. Und abgeholt wird niemand allein. Er muss ja getragen werden, das soll in Würde vonstattengehen. Einer allein kann das nicht leisten, manchmal geht es nicht mal zu zweit, je nachdem, wie groß und schwer der Verblichene ist.

Deshalb folgt dann der zweite Anruf: Armin Stier erinnert sich daran, wie er als junger Mann seinen Zivildienst in Karlsruhe leistete und später dort OP-Pfleger war. „Und dann saßest du abends mit deiner Freundin in einer Kneipe und der Anruf kam: Armin, ich brauche dich.“ Und Martin Stier erinnert sich daran, wie er endlich seinen Führerschein in der Tasche hatte. „Sobald ich den hatte, musste ich die Verstorbenen abholen.“

 

Haben die beiden denn nicht mal Nein gesagt in solch einem Fall? Als sie jung waren? Und damit beschäftigt, ihr Leben zu leben? Wieder sind die Cousins sacht verblüfft ob der Frage. Natürlich nicht. Schließlich ging es um die Familie. Und um die Toten. Und sowohl der Familie als auch den Toten begegnen sie mit Respekt. Sie wurden gerufen, sie kamen. So machen sie das noch heute.

Armin Stier bei der Arbeit: Näher kann man den Toten nicht kommen. Foto: Andrea Fabry

Dabei war es nicht so, dass Martin und Armin Stier von jeher geplant hatten, in die Fußstapfen ihrer Väter zu treten. Armin arbeitete als OP-Pfleger, Martin versuchte sich in der Modewelt. „Der Ruf“, sagt Armin Stier, „kam später.“ Aber er kam.

Armin Stier ist sogar in der Thanatologie ausgebildet. Bestatter versorgen die Verstorbenen vor der Trauerfeier hygienisch, so erklären es die Stiers. Thanatologen können den Abschied am offenen Sarg auch bei Verstorbenen möglich machen, die entstellt sind. Sie beherrschen unter anderem die Kunst des Einbalsamierens. Näher kann man den Toten nicht kommen.

Vielen Menschen helfe es, ihren Angehörigen noch einmal sehen zu können, sagt Armin Stier. „Wir wollen aber nicht den Lebend-Zustand wiederherstellen. Es geht ja darum, dass aus dem ,Das glaube ich nicht’ Akzeptanz werden kann.“

Und dann liegt da ein Mensch im Leichensack

Die Trauerfeier in der Gerwigstraße ist inzwischen vorüber. Der Verstorbene ist im Leichenwagen unterwegs zum Friedhof Pforzheim. Die Wagen sind dunkelblau, die Stiers tragen Schwarz. Martin Stier holt den richtigen Schlüssel, jetzt kann alles besichtigt werden.

 

Und dann kommt der Moment: Man tritt durch eine Tür, links parkt ein Wagen der blauen Flotte, rechts ist die Reihe der Kühlschränke eingebaut – und dazwischen liegt ein Mensch im Leichensack. Fast hätte man ihn übersehen. Fast wäre man vorübergegangen. Schließlich wollte man hier nur durch.

Der Leichensack ist geschlossen, ein handgeschriebener Zettel am Fußende verrät seinen Namen. Eigentlich ist nur der Zettel im Leichensack Pflicht. Aber so ist es besser, erklärt Martin Stier, denn so muss der Verstorbene nicht gestört werden. Er erklärt das en passant, denn eigentlich geht man hier ja nur durch.

Deutlicher kann es nicht werden: Für die Stiers gehören die Toten zum Leben. Zu ihrem Leben. Fühlt es sich anders an, wenn es Menschen sind, die sie kannten?

 

„Sie meinen, wenn die Toten nicht mehr die anderen sind“, sagt Armin Stier.

 

Martin Stiers Vater ist 86 geworden. Der Sohn führte inzwischen die Geschäfte in Berghausen, der Vater wohnte oben drüber, im ersten Stock. Vielleicht ist er auch extra leise aufgetreten, wenn Trauernde im Haus waren. Geschichte wiederholt sich in der Familie Stier. „Ich habe meinen Vater noch mitgenommen, bis er Anfang 80 war, wenn wir zum Abholen der Verstorbenen ins Seniorenzentrum sind“, erzählt Martin Stier. „Dann ging der Vater mit dem Sohne an das Totenbett.“

Und als dann sein Vater wenige Jahre später auf dem Totenbett lag, als er schließlich von ihnen ging, da taten sie nicht das, was sie als Bestatter hätten tun können, sie holten ihn nicht direkt ab. Stattdessen warteten sie, bevor sie dann alle, alle kamen. Warum? „Wenn der Körper alleingelassen wird, kann sich die Seele gut lösen“, sagt Martin Stier. Und Armin Stier nickt dazu.

 

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